Native funky pop art – Das ist das augenzwickernd-grimmige Label einer Kunst, die sich dem
Großen und Ganzen und Ernsten widmet und entzieht. Es ist die fluchende Geste des Großstadt-
Indianers, des letzen Überlebenden im urbanen Dschungel, der sich im Zuge totaler Gentrifizierung
und Selbsteinhegung lichtet und vernichtet.
"Native" ist diese pop art, weil sie ihre Wurzeln im Lebensgefühl der wilden Jahre Berlins
geschlagen hat – David Bowie und Iggy Pop auf der einen Seite der Mauer, widerständige und
widerspenstige Geister jeder Couleur auf der Anderen. Geeint waren und sind beide im wilden
Freiheitsrausch des dionysischen funky Berlin, das ungezähmt ins Anarchische und Archaische, ins
kreative und auch Kreatürliche drängt.
Die Trümmer dieses Mythos und dieser Träume nimmt Gabriel Feitel her und verfilzt sie mit den
Resten unzeitgemäßer Albträume – jener Idylle horribillis, in der die kreuzberger Metropole zur
kreuzbraven Kapitale des neuen Jahrtausends erstickt wird. Hoffnung bleibt kaum, allenfalls in
immer müder werdender Ironisierung.
Und doch ist diese Kunst fast mehr noch eine Form der Beschwörung als der wirklichen Hoffnung.
Das Native findet sich – in der gebrochenen Mimensis, wie im Mythos zum Ritus verdammt – im
Rekurs auf die tribal art wieder. Es ist ein teuflischer Humor – im re use des Zivilisationsmülls
werden Muster der kosmischen Behaustheit indianischer Kulturen beschworen, als könnte im
Ballast der sogenannten Kultur die Ursprünglichkeit, die Einheit von Mensch und Welt und dem
ganzen Rest, rekonstruiert werden.
Und so entstehen aus den Abfällen einer seinsvergessenen, bewußtlos dahin taumelnden
Stadtgesellschaft die Masken von seit alters her bekannten Monstren, die in früheren Zeiten halfen,
Menschen zu einer civitas, einer Gemeinschaft mündiger, weil reflektierter Bürgen zu formen. Es
entstehen symbolgeladene Welten voller Fabeltiere, die jenseits eurozentrischer Selbstheroisierung
der Beschwörung der Götter und der Besänftigung des Schicksals dienen. Es entstehen kreative
Konstruktionen aus den reichen Abfällen genormter industrieller Massenproduktion: Die Flaschen
für den schnellen Schluck zwischendurch ohne verräterische Spuren, der die Betäubung aufrecht
erhält und die rohe Dumpfheit zur angenehmen Dämpfung verklärt, diese Flaschen werden dem
kreativen Prozess wieder einverleibt. Es ist die Rekonstruktion einer ganz ursprünglichen
Kulturleistung, waren doch der Rausch und die Beschwörung, der Ritus und das Schamanentum die
ersten Schritte einer Entgrenzung des animalischen Daseins, eines Versuchs von Weltverständnis
und Selbsterkenntnis.
So nimmt es nicht wunder, daß Gabriel Feitel nicht bei Bildern, Collagen und Assemblagen
verharrt, sondern den logischen Schritt zu einem Gesamtkunstwerk unternimmt, indem er das
irdische Licht und den Klang des Kosmos, die Musik, zum Gegenstand seines Werks werden lässt,
indem er das Sichtbare und das Hörbare, die Aura und die Stimmung eines Gesamtkonstrukts
bearbeitet. Gleichwohl tut er dies fragmentarisch: Er konstruiert kein Gotteshaus und keinen
Schwitterschen Merz-Bau. Seine Werke bleiben vereinzelt und getrennt, sind nur je für sich
erfahrbar als eine Ahnung einer möglichen Ganzheit. So scheint im Fragment, im dekonstruierten
Müll des Zivilisatorischen die Erinnerung an die Möglichkeit eines sinnvollen Ganzen wieder auf.
Dr. Lars Eisenlöffel